BACK TO THE ROOTS.

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Am Anfang hatte ich ein wenig Mühe, mit ihm Schritt zu halten. 

Oder er mit mir? 

Es brauchte ein wenig, bis Herr B., ein großer, stattlicher Mann, nicht nur verstanden sondern auch verinnerlicht hatte, dass das heute kein leistungsorientierter Wettlauf durch den Wald wird. 

Nicht desto Trotz war das zunächst Schritt halten mit ihm und seiner fast doppelt so langen Schrittlänge ein Aspekt, um ihn in seiner Stimmung und seinem Wesen abzuholen und überhaupt erst mal anzudocken. 

„Nen forschen Schritt ham Se ja drauf!“ meinte er. 

Nicht, dass der forsche Schritt Standard wäre an einem Krafttag in der Natur. Doch manchmal ist es anfangs wichtig, sich in Tempo, Rhythmus, Atmung im Äußeren aneinander anzugleichen um dem Anvertrauten zu ermöglichen, sich innerlich zu harmonisieren und ihn Schritt für Schritt :) in einen anderen, funktionaleren Modus zu überführen. 


In der Fachsprache nennt man das übrigens pacing & leading :) 

Zunächst war er ja sehr skeptisch gewesen. 

Im vorab geführten Telefonat klang er fast ein wenig spöttisch: Er halte das ja alles für Quatsch, Zeit und Energieverschwendung, aber naja nun, was tue man nicht alles, um im Job gut zu funktionieren und seine Ruhe zu haben. 

Nach fast 2 Jahrzehnten im Geschäft weiß ich, dass es oft so beginnt und dass sich hinter der scheinbar so abgeklärten Fassade ein warmherziger Mensch verbirgt, der sich einfach  und manchmal unbemerkt über die Jahre einen Schutzpanzer angezogen hat. 

Ganz oft ist diese Eingangssequenz auch ein Test, um das Gegenüber genauer kennen zu lernen und herauszufinden, wie es reagiert und ob es vertrauenswürdig ist. 

Nun, wir kamen recht schnell ins Gespräch, Herr B. und ich. 

Er wollte im Coaching mit mir herausfinden, wie er mit seinem Kollegen, mit dem er eine Facharztpraxis führte, besser zurechtkommen könne. Herr B. war vor knapp 2 Jahren in die Praxis eingestiegen, sein Kollege habe diese einst aufgebaut und würde diese in den nächsten 2 Jahren verlassen um in den Ruhestand gehen. 

Es ruckele oft stark im Gebälk zwischen den Beiden. Das zerre unnötig an den Nerven und verschleisse zudem viel Kraft und Zeit und manches Mal auch Geld. 

Es wurde schnell deutlich, dass hier Tradition und Gewohnheitsmuster in Persona des gestandenen Praxisinhabers auf Innovation in teilweise brachialer Form eines Herrn B. prallten. 

Ich erfuhr allerhand über ihn … wie alles so losgegangen war mit seinem beruflichen Weg. Das er sich das Studium bzw. die Voraussetzungen dafür hatte hart erkämpfen müssen, da er als kleiner Junge und später auch als Jugendlicher in der Schule nicht zurecht gekommen war. Von damaligen Lehrern formulierte Sätze wie z.B. „Aus dir wird nie was!“ steckten ihm emotional noch immer in den Knochen. 

Über die Abendschule hatte er sein Abitur nachgeholt und sich mit viel Geduld und Spucke hochgearbeitet. Hatte die harte Schule im Innenleben verschiedener Krankenhäuser mit ihren militärisch anmutenden Strukturen und Hierarchien hinter sich gebracht und auch hier trotz seines mittlerweile Oberarztstatus immer wieder erlebt, was ihm schon aus früheren Jahren vertraut war: Drangsaliert werden, vor versammelter Mannschaft gedemütigt werden und immer wieder aufs Abstellgleis geschoben werden, indem man ihn z.B. einfach aus dem OP-Plan  strich. 

„Ich war die best bezahlteste Verwaltungskraft Deutschlands.“ sagte er über diese Zeit mit viel Bitterkeit in der Stimme. 

Überhaupt seine Stimme und seine Sprache: Hier kamen viele kämpferische und kriegerische Metaphern zum Vorschein mit zum Teil martialischer Terminologie. Eine subtile Bewunderung und Ehrfurcht vor starken Führungspersonen mit dem gewissen Etwas fiel mir auf. Der Grundton seiner Stimme und seine Formulierungen waren tendenziell eher pessimistisch, doch für den geübt zwischen den Zeilen Wahrnehmenden war dahinter viel Hoffnung und Wärme spürbar.

Er erzählte mir, dass er vom Sternbild her Zwilling sei … 2 Seiten einer Medaille. Das Rationale, Unterkühlte, Distanzierte, leicht Zynische und damit schnell arrogant Wirkende auf der einen Seite. Auf der anderen Seite warmherzig, ehrlich, humorvoll, zugewandt, durchaus empfänglich für Rückmeldung über seine Wirkung und interessiert an korrigierenden Erfahrungen, wie er sich ausdrückte. 

Die in Sprache und Habitus raue Schale hatte er sich irgendwann aus Angst vor weiteren Verletzungen zugelegt und wie einen Schutzschild immer schon im Vorfeld schön fest umgeschnallt. 

Man weiß ja nie. 


Übers beständige Laufen, Sprechen, Reflektieren und unvermittelt stehen bleiben um inne zu halten, fing er ganz langsam an, die Parallelen zu sehen. Fing an zu verstehen, was sein Verhalten, seine Schutzmechanismen und „Panzerkommunikation“ damit zu tun hat, dass sein Umfeld heute so auf ihn reagiert und er sich 40 Jahre später in einer Rolle wiederfindet, die er lange überwunden glaubte.

Er erzählte mir, dass er schon früher als Student und noch früher, als er in seinem ersten Beruf nicht viel Geld hatte, an den Wochenenden und zwischendurch zum Runterkommen oft stundenlang durch den Wald gewandert sei. Das habe ihm sehr geholfen und wie er glaubte, wesentlich dazu beigetragen, dass er (psychisch) gesund geblieben sei.  

Als er ein kleiner Junge gewesen war, sei sein Opa der Einzige gewesen, der sich für ihn interessiert, ihm vieles gezeigt und ihn oft zu stundenlangen Spaziergängen in den Wald mitgenommen hätte. Er habe viel gelernt dabei und erinnere diese Zeit als sehr besonders und in der Erinnerung sehr verbunden mit seinem Großvater. 

Lange habe er das nicht mehr gemacht, das Wandern und ziellose Herumstreifen im Wald. 

Nun spüre er wieder, wie gut ihm das tut und wie er sich „synchronisiert“, so seine Worte. Er finde in seinen inneren Rhythmus und sein „inneres Summen“ zurück. 

Und das ist es, was mir fast alle meiner Kunden erzählen, mit denen ich so einen Tag in der Natur, im Wald verbringe. 

Sie finden sich in einem anderen Zustand, in einer anderen, lange nicht mehr gespürten Version seiner selbst wieder, wenn sie sich trauen, für einen Tag aus dem leistungsorientierten Funktionsmodus auszusteigen. 

Sie gewinnen Abstand und einen anderen Zugang zu den mitgebrachten Problemen aus dem Alltag. 

Lösungsideen, auf die sie beim angestrengten Sitzen und Grübeln im geschlossenen Raum nicht gekommen wären, bahnen sich durch die gleichmässige Bewegung und dem achtsamen Gehen an der frischen Luft ihren Weg.  

Es findet eine Fokusverschiebung und ein kompletter, innerer System-Reset statt. 

Weg von den 1000 Dingen im Außen wieder ganz zu sich selbst nach Innen. 

Aus dem äußeren Leistungsprinzip des ständigen TUNS in den inneren Modus des SEINS. 

Sich selbst einmal wieder GANZ und in Ruhe ohne Hetze und Getriebensein wahrnehmen. 

All das achtsam wahrnehmen, wofür im Alltag oft keine Zeit ist: Pflanzen und Kräuter am Wegesrand, Tiere, das Singen der Vögel und vieles mehr. 

Die würzige Waldluft riechen, richtig darin baden. 

Sich insgesamt ganz bewusst mit allen Sinnen innerlich auffüllen. 


Meinem Herrn B. wurde an diesem Tag bewusst, welchen Anteil er an den Auseinander-setzungen mit seinem Kompagnon hatte und wie er unbewusst seine Muster von Verteidigung und Kampf in die alltägliche Kommunikation mit hereinbrachte. Dazu kam, dass es ihm irrsinnig schwerfiel, andere wert zu schätzen - offenbar, da er dies selbst von anderen bislang ebenso wenig erfahren hatte. 

Doch war ihm auch klar, dass das biblische Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ irgendwie nicht weiterbringt. 

Sondern? 

Es galt zunächst, den Verteidigungsmodus auszuschalten, sich zu öffnen und weicher werden. (Sprachlich) zu akzeptieren und zu verbinden statt immer wieder zu trennen. Das Muster, das er immer wieder erfahren und erlebt hatte und das sich in sein Erleben genauso wie in sein Denken und seine Sprache eingebrannt hatte, galt es zu verlernen und statt dessen in eine neue Form des Denkens, Fühlens und Handelns zu überführen.

Genau genommen ging es um eine komplett neue innere Haltung. 

Eine Haltung, die den Fokus auf das richtet, was gut läuft und was schätzenswert ist. Die das Vorhandene würdigt, um es sukzessive für alle Beteiligten in verträglichen Dosen zu ergänzen, zu korrigieren, zu wandeln. 

Eine Haltung, die die Lebensleistung des Altvorderen anerkennt, statt diese zu demontieren. 

Und somit auch nicht wie ein Schießhund auf den kleinsten Fehler zu lauern sondern zu leben und leben zu lassen. 

Sich seiner selbst in der Tiefe bewusst werden und darüber die anfänglich unbewusste Tendenz des Ego nach fortwährender Selbstbestätigung aushebeln. Den eigenen und den Wert des anderen an-er-kennen, um diese Tendenz der beständigen unbewußten Selbsterhöhung schlussendlich aufzugeben, da dieser Mangel überwunden ist. 

Endlich genug Vertrauen in sich und in den Anderen aufgebaut werden konnte. 


Um es kurz zu machen: So überflüssig, wie Herr B. eingangs befürchtet hatte, war das Coaching dann wohl nicht :) 

Oft gibt es falsche Vorstellungen von Coaching und die Befürchtung, dass einem ein neues Lebensmodell quasi übergestülpt wird oder einem das Hirn gewaschen und weichgespült wird. 

Ich darf dich beruhigen - never ever. Es geht immer darum, den Klienten in seiner Lebenswelt zu erkennen, zu verstehen und für diese Lebenswelt neue Wege zu entwickeln. 

Und da ist für Manche so ein Tag im Wald absolut ausreichend, um wieder auf die Werkseinstellung zu kommen. 

Andere buchen wie Herr B. noch einen Kurs in „Würdevoller Kommunikation“ mit mir, weil er die Erkenntnisse nun tatsächlich in die Umsetzung bringen will und weiß, dass es mit einem Sparringpartner schneller und einfacher voran geht. 

Wieder andere wiederholen den Krafttag einmal im Quartal oder einmal im Jahr und manche nehmen den Tag im Wald als Anlass, sich ein ganzes Jahr von mir würdevoll führen zu lassen und dies eben selbst für sich und für die Menschen um sie herum zu lernen. 

Finde selbst heraus, was für dich wichtig und gut ist. 

Definitiv lernst Du schon an diesem einen Tag das, was wirklich wichtig ist, um dich selbst auch in Zukunft in Würde zu führen. Das erfährst Du weder auf einem Krawatten-Meeting noch auf dem Tennisplatz oder im Wellnesshotel. 


Herr B. hat übrigens neben dem Kommunikationskurs mit mir weitere Sitzungen  - dieses Mal online - für den Transfer gebucht. 

Regelmässig einmal im Quartal möchte er geführt mit mir losgehen, um Aufgestautes loslassen zu können, einen Reset zu machen und neue Ideen zu bekommen. Quasi wie eine regelmäßige kleine Durchsicht :) 
Und er möchte selbst wieder häufiger in den Wald gehen. 

Und wenn es auch nur für ein paar Minuten ist. 

Melde dich bei mir, wenn auch Du Dir gerne deinen Krafttag im Wald schenken möchtest.


© Manuela Dobrileit - Akademie für würdevolle Führungskunst ®, 2019.
Foto: Dobrileit privat

Manuela Dobrileit