Dürfen Führungskräfte weinen oder: Agnes und das Ankommen bei sich selbst

Wer für blöd verkauft wird, (ver)kauft am Ende nix.
Agnes` Start im neuen Team konnte kaum holpriger sein: verworrene Unternehmens- und Abteilungsstrukturen, haufenweise Gerangel und eine neue Position, die noch einige „Überraschungen“ für sie bereit hielt. Wie zum Beispiel die Erkenntnis, dass sie Aufgaben übernehmen sollte, die bis dato auf drei Paar Schultern verteilt waren.

Zudem sollte ihre Einarbeitung durch ihre Vorgängerin erfolgen, die – was Agnes nicht wissen konnte – gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen aus ihrer Position gedrängt wurde.

Den unterstellten Mitarbeitern wurde fast bis zum letzten Tag vor dem Wechsel eine würdelose Komödie vorgespielt.

Kurzum: miese Energie auf allen Plätzen und in allen Ebenen.

In dieser Situation kam nun Agnes aufs Parkett.

Argwöhnisch beäugt, von der Vorgängerin kalt gestellt und täglich mit neuen „Highlights“ konfrontiert, stand sie ihre Frau, biss die Zähne zusammen und sich durch. Dass das nicht leicht für sie war, konnte bald ein Blinder mit Krückstock sehen.

Das ist nun schon ein paar Jahre her.

Mittlerweile hat Agnes sich einen guten Stand erarbeitet, hat Vieles mit Geduld und Spucke geschafft und etliche Herausforderungen gestemmt. Zum Beispiel die Abkopplung ihres Teams unter ein völlig neues Unternehmensdach mit neuen Verträgen und Konditionen, die nicht für jeden nach Verbesserung aussahen.

Oder die nun schon mehrere Monate andauernde Vertretung für einen Kollegen aus der Technik, dessen Aufgaben sie nun eben auch mit übernimmt, denn einer muss es ja machen, oder?

Agnes macht das alles klaglos, auch gerne, sie will ja verstehen und gebraucht werden.

Und doch bleibt es trotz der oberflächlichen Harmonie ruckelig und sie zweifelt manchmal daran, dass sie jemals richtig im Team ankommen wird.

Aber was geht in ihr vor?

Was erwartet sie?

Was davon ist gerechtfertigt?

Was kann sie bekommen von einem Team, dass das Zusammenspiel durchaus beherrscht, im Kern jedoch zu Einzelkämpfertum erzogen wurde?

Was kann sie wirklich gestalten in Strukturen, die auf Konkurrenz statt Kooperation oder gar Co-Kreation gewachsen sind?

Kann es das überhaupt geben – eine kooperative Team- bzw. Unternehmensstruktur, in der alleine zählt, wer die meisten Deals auf der Uhr hat?

Und: wovon werden Agnes` Wahrnehmung, Bedürfnisse und Gefühle überhaupt gelenkt?


Sie denkt viel nach, auch nach Dienstschluss, frisst viel in sich rein, dreht und wälzt die Gedanken von A nach B und wieder zurück.

Was dabei rumkommt?

Kannste knicken, würde der Berliner sagen.


Im Jonglieren mit dem anstrengenden Tagesgeschäft kommt sie fast nie dazu, einen Gedanken in Ruhe zu beenden, neue Strategien zu erproben, mit kreativen Ansätzen zu experimentieren.


Geschweige denn, sich um sich selbst zu kümmern.

Sie kann nicht mal nach Feierabend und am Wochenende abschalten.

Von sich selbst verraten und verkauft.

Eigentlich will sie nur ihre Ruhe. Doch da ist die Familie, der Ehemann, der genervt ist von ihren häufigen Verspätungen und der, wie sie witzelt, sich „wohl bald scheiden lässt“.

Die kleine Enkelin, die sie viel zu selten sieht.

Die überfälligen Treffen mit Freunden, bei denen sie viel zu schnell viel zu viel trinkt und die emotionalen Schleusen sich dann heftig öffnen.

Es schreit in ihr, aber sie schaltet auf Durchzug.


Ihr Nacken schmerzt seit Wochen höllisch.

Physiotherapie, Sport, Massage?

Keine Zeit.

Denkt sie. Tief drinnen weiß sie, dass das Quatsch ist.

Aber, da mogelt sich sogleich die andere Stimme rein: komm, alles halb so wild. Bestimmt musst Du nur mal wieder richtig ausspannen.

Du hast ja bald zwei freie Tage, jippy!


Sie wird immer durchscheinender.

Ihr Blick verändert sich, wird so tief als ob man auf den Grund eines Sees schaut.

Bittend, fast flehend.

Ihr Blick sagt: höre nicht auf die Worte, höre auf MICH!

Schlimme Kopfschmerzattacken unklarer Herkunft gesellen sich zu ihren Symptomen dazu.

Die vom Arzt verordneten Schmerzmittel helfen nur bedingt, weitere Untersuchungen sind erst in einigen Wochen möglich – zu viele Termine, zu viel zu tun.

Also macht sie weiter. Was soll‘s.

Sie sorgt sich.

Nein, nicht um sich. Dafür hat sie keine Zeit.

Um ihre hochbetagte Mutter, der es seit einiger Zeit nicht gut geht.

Dann der Anruf.

Der Damm bricht.

Die befürchtete Diagnose ihrer Mutter bestätigt sich.

Sie weint.

Natürlich um ihre Mutter in erster Linie.

Wegen all dem, was sie nun wird durchmachen müssen.

Wegen der Sorge darum, dass sie es vielleicht nicht schaffen wird.

Wegen der Sorge darum, dass sie es selbst vielleicht nicht schaffen wird, diese zusätzliche Belastung zu stemmen, wo sie doch schon auf dem Zahnfleisch geht.

Wegen der Sorge um ihren hochbetagten Vater, der ohne seine Frau unselbständig ist.

Kein Halt(en) mehr

Und unter der Oberfläche weint sie noch um viel mehr.

Endlich.

Darf es raus.

Bahnt sie sich ihren Weg.

Die noch immer schmerzende Verletztheit und die Kränkung, von den Eltern wenig Nähe erfahren zu haben.

Die Verzweiflung, alle Versuche der Eltern weg geschoben zu haben, die Angelegenheiten zu klären, die erwachsene Kinder und betagte Eltern klären müssen.

Die Verunsicherung darüber, wie es nun weitergeht. In einer Phase, in der das Familiensystem, das nie glücklich machte, aber reibungslos funktionierte, eine völlig neue Dynamik bekommt.

Die Traurigkeit darüber, sich selbst nicht mehr zu spüren - außer in Verspannungen, Schmerzen, Blockaden.

All das Unausgesprochene, Ungeklärte, Weggeschobene, Verdrängte, Unaufgeräumte kommt nun hoch.

Die innere, so lange unterdrückte und nicht gehörte Stimme aus dem Off kriegt Verstärkung aus dem Außen.

Auch wenn es hart ist: JETZT ist es Zeit, klar Schiff zu machen.

Wie das aussieht, gestaltet sich für jeden ganz anders.

Sich einzugestehen, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann, kann ein erster Schritt sein.

Stehenbleiben.

Die Perspektive wechseln.

Nicht mehr weiter rennen, um es Allen Recht zu machen.

Nicht mehr nur lächeln und witzeln.

Nicht mehr nur nicken und wegdrücken.

Sondern sich selbst wieder ernst nehmen.

Sich selbst zuhören, ohne Angst zu haben, als Mimose zu gelten.

Intelligent „Nein“ sagen lernen zu sinn- und würdelosem Aktionismus.

Grenzen wieder spüren lernen und klar im Außen zu formulieren.

Gedanken neu denken lernen und diese konsequent umzusetzen.

Wie der Mensch in seinen Rollen und Positionen wächst - oder vor die Hunde geht.

In diesem real erlebten Beispiel hatte ich anfangs keinen expliziten Auftrag, die beschriebene Führungskraft zu coachen.  

Ich war erstmal tatsächlich nur für Agnes` Team zuständig. Und doch, Auftrag hin oder her, coache ich allein durch meine Anwesenheit, durch die Energie die ich mitbringe, die Art und Weise wie ich meine Meinung kund tue oder auch durch das, was ich sage, die Personen im unmittelbaren Umfeld mit.

Ganz besonders wenn es sich um Bestandskunden handelt, die sich über einen längeren Zeitraum begleiten lassen. Automatisch entsteht eine Beziehung, ein gewisser Vertrautheitsgrad, in dem Dinge offenbar werden, die eine Rolle im beruflichen Kontext spielen.

In Unternehmen wird von der nächsthöheren Ebene oft erwartet, dass die Führungskraft sich einfach selbst managen kann, quasi als Vorbild für die anvertrauten Mitarbeiter.

Das ist nach meiner Erfahrung ausgemachter Bullshit!

Idealerweise kann ich mich in einer leitenden Position selbstverantwortlich reflektieren und Dinge weitsichtiger überblicken als vielleicht ein „gewöhnlicher“ Mitarbeiter. Doch kann ich weder meine blinden Flecken selbst sehen noch mich in Belastungssituationen mental und emotional genau so wenig eigenständig aus dem Sumpf ziehen, wie sich ein Friseur selbst die Haare schneiden kann.


Auch Führungskräfte bringen ihre ungeklärten und unbewussten Lebensthemen mit in ihren Führungsalltag. Akute Probleme und „unerledigte Geschäfte“ bestimmen zu einem erheblichen Teil, wie sie ihrer Position gerecht werden, ob und wie sie Halt geben, eine Beziehung aufbauen und halten, wie sie mit Konflikten umgehen und vieles mehr.

Die Kunst, sich selbst und andere würdevoll zu führen.

Dazu kommt, dass Menschen in „Führung“ und „Selbstführung“ vielfach nicht in der Kunst der Führung ausgebildet werden, sondern mit dem nächsten Schritt auf der Karriereleiter stillschweigend vorausgesetzt wird, dass die oder der nun schon wisse, was zu tun ist.

Maximal ein paar Trainingstage zu Führungstechniken, die regelmäßig aufgefrischt werden, jedoch wird die grundlegende Haltung einer Führungskraft zu sich selbst und den ihr Anvertrauten selten sauber aufgebaut.

Verantwortungsvolle und fürsorgliche Menschen auf allen Unternehmensebenen sind gefragt, die genau hinschauen, hinhören und vor allem auch zwischen den Zeilen wahrnehmen.

Die vor Allem die Größe haben, dies nicht als Schwäche anzusehen. Sondern im Gegenteil als ihre verdammte Pflicht, wenn es das erklärte Ziel gibt, ein gesundes Unternehmen mit gesunden Mitarbeitern und gesundem Wachstum zu führen.

Es braucht bewusste und zeitgemäße Leader und Unternehmensführer, die in der Lage und willens sind, den Menschen in seiner ganzen Komplexität und in seiner Persönlichkeit anzuerkennen statt ihn auf eine maximal effiziente unternehmerische Funktionseinheit zu reduzieren.

New Work braucht Inner Work

Es braucht Leader und Unternehmensführer, die sich darüber bewusst sind, dass es nicht die feingetunten Prozesse und Strukturen sind, die ihr Unternehmen auf der Erfolgsskala oben halten, sondern die Menschen, die diese Prozesse und Strukturen zum Leben erwecken.

Der Wandel der Arbeitswelt, die Mobilisierung und Flexibilisierung der äußeren Strukturen, Modelle und Prozesse benötigt zwingend Auseinandersetzung mit den eigenen inneren Strukturen, um aus sich heraus und in sich Halt zu finden in einer Welt, die in ihrer Vielfältigkeit immer schnelllebiger und unverbindlicher wird.

Sich ihrer Würde bewusste Menschen gehen würdevoll mit anderen Menschen um.

Würdevolle Menschen konstituieren würdevolle Unternehmen.

Würdevolle, bewusste Unternehmen werden in einer Welt knapper werdender Ressourcen und globalen Wandels wertschöpfend agieren können.

Alle anderen werden untergehen.

Was sich hier vielleicht dramatisch liest, ist bei Weitem nicht die Ausnahme, sondern Alltag in Unternehmen und Organisationen.

Wenn auch dir die Situation von Agnes bekannt vorkommt oder Du jemanden kennst, auf den das zutrifft, dann melde dich bei mir.

Auch, wenn du Heinz heißt.

© Manuela Dobrileit - Akademie für würdevolle Führungskunst ®, 2019.

Foto: © pexels