DER PREIS DER FREIHEIT.

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Die Tage habe ich in der ZDF - Mediathek einen wahnsinnig spannenden Dreiteiler geschaut, „Der Preis der Freiheit“. 


Ein hochkarätig besetztes deutsch-deutsches Drama, das im Jahre 1987 beginnt und nicht nur den Zerfall eines Staates, sondern auch den Zerfall des dahinterstehenden Systems und einer Familie zeigt, die (dadurch) den Boden unter den Füßen verliert. 

Als geborene  Ossi - Frau, die kurioserweise oft für eine Wessi gehalten worden ist, hat mich der Film sofort in seinen Bann gezogen. 

Völlig unabhängig von der Ost-West-Thematik bin ich einmal wieder tief in die Frage eingetaucht, wie sich das einfühlen muss, wenn quasi von heute auf morgen ein vielleicht mehr schlecht als recht funktionierendes, aber eben bis in jede Körperzelle verinnerlichtes System durch ein neues abgelöst wird, dessen Regeln ab sofort gelten und auch sofort umgesetzt werden sollen. 

Nichts anderes ist es ja, was im sogenannten Change Management passiert oder auch unter dem Label „New Work“. Da wird von emotionalen, lateralen, agilen und was weiß ich noch für Führungskonzepten geredet oder sogar darüber nachgedacht, Führung ganz und gar abzuschaffen. 

Auch wenn ich der Meinung bin, dass es in den heutigen Zeiten andere Formen des Umgangs mit sich selbst, mit anderen und damit einhergehend andere, modernere Formen der Führung braucht, so halte ich nichts davon, den alten Zeitgeist und vor allem diejenigen, die diesen lebten, per se zu verdammen. 

Im Gegenteil, ich fühle mit den ewig Gestrigen, den machtbesessenen Arschlöchern oder Betonköpfen, die von jetzt auf gleich abgemeldet sind oder zumindest deutliche Anzeichen verspüren, dass das genauso kommen wird. 

Ich frage mich, wie sich das anfühlen mag für diejenigen, die heute als Vertreter einer „klassischen“, auf der institutionellen Macht glasklarer Hierarchien basierenden Führung gesehen werden? Die vielleicht mehrere Jahrzehnte ihr (Arbeits-)leben in definierten Leitplanken gelebt und ihre Rolle in eben diesen Leitplanken nach bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt haben? 

Ob das „gut“ war, steht auf einem ganz anderen Blatt. Nach heutigen Maßstäben und Erfordernissen wohl kaum. 

Und dennoch gilt es meines Erachtens zu würdigen, dass auch diese Menschen einem System gedient haben, das sie für richtig hielten und das ihnen Sicherheit gab. 

Ein System, das auf Gegensatz, Kontrast und Polarisierung fußte denn auf heute  angesagten (und notwendigen!) Werten wie Verbindung und Co - Creation. Ein System, dass auf Macht und dem Ausüben von Druck und Kontrolle basierte. 

Wie mag sich das anfühlen, wenn es nichts mehr zu kontrollieren gibt? 

Wer ist dieser einst beflissene Zinnsoldat dann, wenn es nichts mehr zu unter-drücken gibt? 

Ich kann diese Angst vor Kontrollverlust und noch viel mehr die daraus resultierende Angst vor Bedeutungslosigkeit absolut verstehen. 

Und ich kann den daraus erwachsenen verbissenen Widerstand verstehen, die müde Ignoranz, den stumpfen Zynismus. Ich glaube zu wissen, woher das alles kommt. 

Ihr sollt den Menschen sehen, hört Ihr nun immer wieder. 

Wer hat Euch je WIRKLICH gesehen, fragt Ihr Euch vielleicht. 

Und – wer sieht Euch jetzt? 

Eure Anstrengung, Euren Schmerz, Eure Angst? 

Die Opfer, die Ihr gebracht habt. 

Den Preis, den Ihr gezahlt habt. 

Die Leere in Euch … 

Wer sieht Eure Lebensleistung und die damit verbundene Schmach, dass das nun alles nichts mehr wert sein soll? 

„Das Alte in Würde verabschieden und das neue in Freude begrüßen.“ 

Das ist ein Satz, den eine liebe Kollegin formuliert hat. 

Sowohl als auch statt entweder – oder. 

Mit- statt gegeneinander. 

Wir müssen dem Neuen, den Jungen und ihren Ansätzen Gehör geben, heisst es so oft. Und das ist richtig. Doch genauso müssen wie das Bestehende sehen, an-erkennen, würdigen und vor allem die Menschen mitnehmen. 

Auch wenn sie es uns vielleicht (noch) nicht leicht machen. 

Noch beißen und kratzen, um sich schlagen. 

Dann heisst es um so mehr, hinter die Fassade schauen. Auch hier ins Mit-Fühlen gehen. 

Doch das ist der Preis, den wir zu zahlen haben, wenn es wirklich was werden soll. 

Der Preis unserer Freiheit. 

In der Wolfsfrau von Clarissa Pinkola Estes heisst es: 

„Die guten Seiten an deinem Partner zu lieben, ist einfach. Wahre Liebe zeigt sich in den Momenten, in denen dein Partner Dinge denkt, sagt, tut, die dir nicht gefallen.“ 

Und genau darum geht es in der Business-Welt.

Die Verbindung auch mit den Aspekten, die uns vielleicht nicht gefallen. 

Das ist die praktische Umsetzung der Werte, die wir theoretisch propagieren. 

Das ist Würdigung des Bestehenden als etwas, das den Boden für das heute Mögliche erst bereitet hat. 

Das ist gelebtes „sowohl als auch“. 

Das ist Ko-Operation & Ko-Creation. 

Das ist Liebe. 

Nur wenn wir so an dieses Thema herangehen, haben wir eine Chance, aus und mit der Erfahrung und Menschenkenntnis der vorherigen Generationen etwas wirklich Neues zu schaffen. Das ist zumindest meine Meinung. 

Ich reiche dem Alten würdevoll meine Hand und baue freudvoll, behutsam und gleichermaßen entschlossen die Brücke in das Neue. 

Herzlichst, Manuela


PS. Meine Mentoring - Programme „Sich selbst und andere in Würde führen“ starten im neuen Jahr. Mehr Informationen dazu gibt es hier oder unter 0173/873 42 89.


© Manuela Dobrileit - Akademie für würdevolle Führungskunst ®, 2019.
Foto: Dobrileit privat




 

Manuela Dobrileit