AALGLATT UND PORENTIEF REIN: WIR DETOXEN UNS ZU TODE.

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Der Frühling ist da, es summt und brummt, die Fenster werden allerorts gewienert und die Waschanlagen sind voll mit des Deutschen angeblich liebstem Spielzeug.

Die Parks sind schon frühmorgens ganz voll mit ganz vorbildlichen Sportlern, die den über den Winter etwas schluffig gewordenen Body wieder mit eiserner Disziplin in shape bringen. 

Es wird gelaufen und gerannt und gesportelt und geputzt und geschrubbt und ausgemistet und poliert und natürlich ganz waaaaaahnsinnig gedetoxt. 

Wir entrümpeln, auch unseren Körper. 

Entgiften, entschlacken, lassen los, werfen ab. 

Peelen, massieren, zupfen, bleachen, straffen, modellieren, drangsalieren.

Und ja, vielleicht pimpen wir auch unser Mindset. 

Stecken uns dolle Ziele, wollen hoch hinaus. Verkünden das sogar öffentlich, damit der Winterbody-Schweinehund und dessen Mindfuck-Schweineschwester erst gar keine Chance hat. 

Damit sind wir dann schon ganz schön fortschrittlich. 

Wir fokussieren und eliminieren und optimieren und committen uns bis sonst wohin. 

Ich als alte Vertriebstante kenne das selbst noch ganz genau. 

Woche für Woche lächelnd 60-70 Stunden Wochen getreu dem Motto: 

Was uns nicht umbringt, macht uns hart. 

Davon mindestens 50% verschwendete Zeit infolge von unterschwelligen Befindlichkeiten, Demotivation, Profilneurosen, Powerpoint-Folter-Marathons und schier endlosen und genauso sinnlosen Meetings, Meetings, Meetings … 

Gemeinsam mit den ganzen anderen Krawattenheinis und Kostümelfen war auch ich immer in meiner schicken Business-Uniform unterwegs. Feinste Stöffchen, die schärfsten High Heels, der ausgefallenste Schmuck, die prestigeträchtigste Handtasche, der röteste Lippenstift, das teuerste Parfüm. 

Von Chanel, versteht sich. 

Genau genommen war das meine Rüstung. Mein Panzer. Nur der hat es mir wahrscheinlich ermöglicht, halbwegs unbeschadet durch den Tag zu kommen. 

Busy sein war en vogue … ein ganz eigener Kosmos, indem selbst denken und gar selbst fühlen nicht wirklich erwünscht war - auch wenn das selbstredend ganz anders kommuniziert wurde. 

Schenkelklopfende Witzchen a la „Das Leben ist kein Ponyhof“ oder „Wochenende ist für Weicheier“ waren noch die harmloseren der ach so lustigen Sprüche, die die dortige Kultur mehr bestimmt haben, als uns allen, auch mir, seinerzeit bewusst war. Nach 10 Stunden nach Hause zu gehen, galt als „Teilzeit-Job.“

Lange, lange haben ich und viele andere das wirklich selbst geglaubt, wohl weil wir zu viel Angst hatten. 

Zu viel Angst davor, 

  • Was passiert, wenn ich dieses verlogene, sinnlose Scheiss-Spiel nicht mehr länger mitmache? 

  • Was passiert, wenn ich einfach nicht mehr mitrenne in diesem völlig hirnverbrannten Schweinsgalopp? 

  • Was passiert, wenn ich anfange, mir Fragen zu stellen? 

  • Was passiert, wenn ich mir eingestehe, dass das alles ein Wahnsinn ist. 

Hinter den Fassaden bröckelte es. 

Erst bei den anderen – da ist es meist leicht, die Veränderungen zu erkennen, die man an sich selbst noch lange nicht sehen will: ein Kollege fing das Saufen an, eine Kollegin brach zusammen und war stillschweigend von heute auf morgen weg vom Fenster, andere trennten sich und verloren nicht nur Haus und Hof, sondern viel schlimmer Familie, Partner*in und Kinder und damit den letzten Halt. 

Manch einer verlor seine Gesundheit. 

Ich habe das Spiel immer weiter mitgespielt. Aus lauter Angst, nichts mehr wert zu sein, wenn ich nichts mehr leiste!

Bis zu jenem Tag im Frühsommer 2004, als ich nach einem Luxuseinkauf auf unserem Kiezmarkt auf den eben erstandenen, sündhaft teuren Blumenstrauss schaute und etwas in mir spürte, dass ich bis dato noch nicht kannte: 

Ich konnte mich nicht mehr freuen. 

Ein nie gekanntes Gefühl der Leere war in mir. 

Ich war mir selbst auf einmal so fremd. 

Und zum ersten Mal wusste ich, was es heißt, wirklich neben sich zu stehen. 

Aber was tut eine beflissene Zinnsoldatin?! 

Richtig! Weitermachen! 

Dafür gabs schließlich vermeintlich Anerkennung. 

Ich hatte immer noch nicht genug. Und das Universum musste noch eins draufsetzen, damit ich es endlich schnalle. 

Ich musste erst auf der Arbeit vor allen anderen heulend zusammenbrechen, um endlich die Reißleine zu ziehen. 

Ich, die immer die Fahne hochgehalten hatte. Die immer ein lockeres Sprüchlein auf den Lippen hatte, ein Witzchen in der Tasche, einen aufmunternden Tipp. 

Ich, die immer gedacht hatte, es sei nur eine Frage der Einstellung, wie belastbar man sei. 

Ich, die die mahnende Stimme im Inneren immer beiseitegeschoben hatte in der Annahme, da möchte sich doch nur eine Ausrede rein schummeln. 

Ich, die sich immer nur über „Machen“ definiert hatte als über „Sein“.

Wer war ich schon, wenn ich nichts tat? 

Ein Nichts. 

So habe ich mich gefühlt. 

Kalt, abgestorben, gefühllos. 

Haltlos durchs Nirvana trudelnd. 

Schulterzucken und „ist mir doch egal“ waren die einzigen Zustandsbekundungen, die ich lange Zeit zu geben in der Lage war. 

Keine Lebensfreude mehr, kein Lebenswillen mehr. 

Ich kann dir nicht mal mehr sagen, warum ich mich damals nicht einfach umgebracht habe. 

Es schien so greifbar. Und eigentlich auch erleichternd. Vielleicht konnte ich mich selbst dazu nicht mal aufraffen. 

Ein halbes Jahr zugezogene Vorhänge, dunkle Gedanken. 

Quälende, zähe Gespräche mit dem Therapeuten. 

Fragen, die meinen Anteil an der Situation ins Blickfeld rückten. 

Meinen Anteil?! Nicht mal mehr Opfer darf man in Ruhe sein!!!!

Bunte Pillen zum Glück nur ganz kurz … 

Eine fast gescheiterte Beziehung. 

Ein Job, von dem ich wusste, dass ich dort nicht mehr zurück konnte und wollte. 

Eine diffuse Angst davor, nicht wieder richtig auf die Beine zu kommen. 

Keine Zukunft zu haben. 

Da hatte ich so viel getan, um meine Oberfläche(n) immer so richtig schön blitzen und funkeln zu lassen. 

Hatte mich fokussiert und optimiert und committed und gedetoxt bis sonst wohin. 

Und doch hatte ich (mich) verloren. 

Den Überblick. 

Den Kontakt zu mir selbst. 

Meine Wurzeln. 

Meinen Glauben. 

Meine Zuversicht. 

Meinen Halt. 

Meine Würde. 

Ich war oberflächlich schön glänzend und in Wahrheit doch eine Schlampe. 

Hatte im akademisch-arroganten Omnipotenz- und Machbarkeitsmodus immer nur den Dreck beiseitegeschoben bzw. einfach ausgeblendet. 

Gelernt ist gelernt. 

Neuen Lippenstift aufgelegt und die lächelnde Funktionsmaske aufgesetzt.

Nie in der TIEFE Großreine gemacht. 

Mich belogen, verdrängt, verleugnet bis die Schwarte kracht, meine Seele verrotten lassen zwischen den ganzen emotionalen Leichen im Keller. 

Mich verraten. 

Auf dem sinkenden Kreuzfahrtschiff immer noch mal lächelnd ein paar Martinis ausgeschenkt und weiter entertained. Mich und alle anderen. 

Bis zum Untergang. 
Wasser saufen und durch den Schlamm waten, den ich mir vorher nie wirklich habe anschauen wollen, war angesagt. 

Das alles ist mittlerweile einige Jahre her. Ich habe in der Zwischenzeit viel gelernt und helfe heute Menschen und Unternehmen, sich selbst und ihr Unternehmen in Würde zu führen. Denn das ist genau das, was mir damals gefehlt hat. Die Würde mir selbst gegenüber zu bewahren, indem ich mir selbst zuhöre, mich ernst nehme, die Reißleine ziehe oder aber knallhart in die Konfrontation gehe. Weder das eine noch das andere habe ich damals gemacht, habe zu lange mit Allem gewartet, immer gedacht: „Ich schaffe das schon“ oder aber „Es wird sich schon noch ändern.“ 

Was für ein Bullshit. 

Nichts wird sich ändern, wenn Du dich nicht änderst. Änderst Du dich, ändert sich alles. 

Nicht von mir, aber sowas von auf den Punkt. 

Das Thema ist zu wichtig und gleichermaßen zu sensibel, um es laut marktschreierisch unter die Massen zu werfen. 

Denn wer gibt schon gerne zu, dass ihm oder ihr das Wasser bis zum Hals steht? 

Dass er oder sie nicht mehr weiß, wie der Tag überstanden werden soll? 

Dass einfach eins zum anderen kommt, jeden Tag eine Schippe mehr. 

Solange bis Mann oder Frau unter der inneren Last zusammenbricht. 

Dass die Gesundheit schon streikt und die Familie auch. 

Dass das gesamte Leben sich im Augenblick einfach nur noch Scheisse anfühlt! 


Deshalb erspare ich dir und mir an dieser Stelle die üblichen Floskeln. 

Schreib mir, wenn’s dein Thema ist: info@brainopen.de

PS. Wie ich mich im Detail aus der Misere hinausmanövriert habe und warum die würdevolle (Selbst)-Führung meine Mission geworden ist, erfährst Du in Kürze. 

© Manuela Dobrileit  


© Manuela Dobrileit - Akademie für würdevolle Führungskunst ®, 2019.
Foto: Dobrileit privat / Fotografin: Kerstin Sommer-Glandien

Manuela Dobrileit