ÜBER SCHAM, DIE EINSAMKEIT DER LEADER UND EIN MISSVERSTÄNDNIS.

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Seitdem ich in meiner Arbeit meinen Fokus verlagert habe und mit meiner Akademie für würdevolle Führungskunst ® an den Start gegangen bin, melden sich verstärkt Business-Menschen mit zum Teil sehr persönlichen Anliegen bei mir. 

Meist Männer, aber auch Frauen. 

Gestandene Persönlichkeiten, die viel Verantwortung und so manche Last auf ihren Schultern tragen. Manchmal kommen sie mit Themen, die im Alltag nicht nur nicht keinen Platz haben, sondern die sich die Betreffenden oft fast selbst zu denken verbieten, geschweige denn sie vor anderen auszusprechen. 

Gerade in traditionellen Unternehmensstrukturen gilt nach wie vor das Bild des besonnenen, smarten und auch nach 12 Stunden auf den Füßen stets gut gelaunten Leaders, dessen Luft immer dünner wird, je höher er auf der Karriereleiter nach oben steigt. 

Die an sich ja wunderbare „Lösungsorientierung“ ist allein sprachlich das Allheilmittel, das Wort „Problem“ ist verboten. 

Leader denken schließlich in Lösungen und Möglichkeiten. 

Soweit die Theorie. 

Es kann nicht sein, was nicht sein darf. 

Gefühle und Emotionen, negative gar – Igitt! 

Nahbarkeit, sich menschlich zeigen und vielleicht sogar mal zugeben, dass man die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen hat, gilt nach wie vor als Schwäche und fördert, dass man(n) sich irgendwann selbst in seiner ganzen blablabla -Wir-sprechen-viel-und-sagen-nichts-Floskelei zurecht gebastelten Funktionsmaskerade kaum noch wieder erkennt. 

Scheinkommunikation in einer Scheinwelt. 

Auch wenn das korrekt einchoreografierte Lächeln nach wie vor perfekt sitzt, innen drin beginnt es zu toben. 

Aber wer tobt da drinnen? 

Neben der Wut, dem Ärger, der Verzweiflung, der Angst oder der Ohnmacht? 

Eine alte Bekannte. 


Darf ich vorstellen? 

Gestatten, SCHAM mein Name. 

Auch wenn Sie mich verleugnen, Sie kennen mich gut. 

Und ich werde treu an Ihrer Seite bleiben. 

Ich bin eine verlässliche Dienerin. 

Jeden Tag bin ich für Sie da, wenn es sein muss rund um die Uhr. 

Ich bin die, die Sie spüren, wenn Sie jeden Tag aufs Neue in die nun schon x Mal gespielte Schmierenkomödie einsteigen. 


Nur noch einmal. 

Morgen mach ich es wirklich. 

Morgen steige ich aus. 


Den Ausstieg aus der inneren Zwickmühle gestalten meine Kunden dann häufig leider  nicht selbst, sondern das Leben nimmt ihnen diese Entscheidung ab. 

Der innere Druck wird irgendwann einfach zu groß und wie bei einem Dampfkochtopf fliegt das  Überdruckventil scheppernd durch die Küche. 

Im schlimmsten Falle heisst das, dass ihnen in einem oder mehreren Bereichen ihr Leben schon um die Ohren zu fliegen beginnt: Karriere, Gesundheit, Familie, Partnerschaft, Finanzen … 

Im besseren Falle heisst es, dass sie einen inneren Ruck spüren, sich in diesem Moment ein Herz fassen und den Kontakt zu mir aufnehmen. 

SIE bahnt sich ihren Weg. 

Die innere Wahrheit. 

Mithilfe des Mutes und der unbändigen Lebenskraft, die in uns allen schlummert. 

Die wir nur manchmal so weit begraben haben unter So-muss-man-leben- & So-musst-Du-arbeiten-Müll. 
Für Manche ist das der Einstieg in ein neues Leben. 

Kein einfacher Schritt, doch befreiend, klärend und erleichternd. 

Neue Kräfte werden spürbar, Visionen wieder fühlbar, es beginnt wieder zu fließen. 

Für Andere verschärft sich die Lage nach der Kontaktaufnahme, denn ihr vermeintlicher Wagemut wird von einer alten Bekannten penibel beobachtet und meist ganz und gar nicht gut geheißen. 


Gestatten, SCHAM mein Name. 

Wir kennen uns eigentlich und ich war mir sicher, dass ich mich seinerzeit deutlich ausgedrückt hatte: Hier läuft nichts ohne mich!!!


Es kann sein, dass Du, wenn Du den gläsernen Kokon der Perfektion, der Unnahbarkeit und des stets gut gelaunten allround Meister Propper einmal durchstoßen hast, wieder von deiner Scham eingeholt wirst. 

Das Du dich vor deiner eigenen Courage erschreckst und auf Tauchstation gehst. 

Das Du verwünscht, je darüber gesprochen zu haben. 

Das Du dich auf einmal so unsicher fühlst, dass Du erst einmal in deinen smarten Funktionsmasken-Anzug zurück musst, um dich zu sammeln. 

Deine in Dir umherfliegenden Einzelteile wieder zusammenzufügen. 

Das ist ok. 

Das ist sogar sehr gut. 

Das zeigt, dass Du lebst. 

Dass es in dir arbeitet. 

Und es zeigt, dass Du so grossen Stress in dir spürst, dass der Rückzug zunächst für dich als der einzig gangbare Weg scheint. 

Lass Dir gesagt sein, dass Du nicht als Einziger auf dieser Welt dieses Gefühl empfindest. Auch wenn Du dich wie der Einzige auf dieser Welt damit fühlst. 

Doch das ist nicht die Wahrheit. 

Sondern eine Meisterleistung in Verdrängung. 

Und Abbild eines durch und durch mechanistisch geprägten Leistungsideals. 

Doch Du … bist ein Mensch. 

Darfst fühlen. 

Fühlst. 

Bist durchlässig. 

Noch. 

Erreichbar. 

Verwundbar. 

Beschämbar. 

Alles, nur kein kalter Fisch. 

Scham ist nichts, wofür Du dich schämen musst. 

Scham ist oft Ausdruck tieferer, unerfüllter Bedürfnisse. 

Quasi die Verpackung für viel brachialere Gefühle, die womöglich schon lange in dir schwelen und die darauf warten, endlich aus Dir herausbrechen zu dürfen. 

Du musst nicht erst deine Scham an die Leine nehmen, um dann endlich dein „eigentliches“ Problem mit mir lösen zu können. 

Bringe sie doch einfach mit, deine Scham. 

Sie ist herzlich willkommen. 

Lass uns gemeinsam mit ihr einen Tee trinken und hören, was sie zu sagen hat. 

Manchmal löst sich sogar dein Ursprungsanliegen gleich mit auf, wenn wir der Stimme der Scham und den anderen, lange unterdrückten Stimmen in dir in Ruhe zuhören und den Raum geben, den sie benötigen. 


© Manuela Dobrileit - Akademie für würdevolle Führungskunst ®, 2019.
PHOTO BY AKSHAR DAVE ON PEXELS

Manuela Dobrileit