(K)EINBAHNSTRASSE IM KOPF ODER WIE ICH MIT HERBERT UND ZAHA HADID IN DER ELBPHILHARMONIE WAR.

Philarmonie.jpg

Herbert ist ein cleveres und schwer sympathisches Kerlchen Ende 50, mit allen Wassern des Lebens gewaschen, Vater von vier Kindern und auch schon mehrfacher Großvater. Privat einer der glücklichsten und zufriedensten Menschen, die ich kenne und ein aufrichtiger und geradliniger Charakter dazu. Und er ist wahnsinnig vielseitig interessiert und diesbezüglich immer für eine Überraschung gut: vom Lesen klassischer Literatur über Kunst und Architektur über das tägliche Meditieren bis hin zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Entstehung von Biorhythmen und das praktische wie genussvolle Studieren von Akustik und Klangwelten – um nur einen winzig kleinen Ausschnitt zu nennen. 

All das trägt er nicht auf dem Silbertablett vor sich her, um damit zu glänzen, sondern ganz leise, nach und nach, offenbaren sich diese Seiten für den interessierten Gesprächspartner, der es versteht, Herbert „aufzuschließen“. 

Jobmässig hatte es das Leben für den gelernten Informatiker nicht immer so gut  gemeint, aber Herbert wäre nicht Herbert, wenn ihm das Gram bereitet hätte. 

Im Gegenteil. 

Auch wenn so ein beruflicher Umbruch immer wieder auch eine große Portion Unruhe mit sich brachte, so nutzten Herbert und seine Frau das doch immer wieder als aufregendes Experiment und Chance dahingehend, wieder was Neues zu lernen. Und so hatte er schon einiges ausprobiert und neue Facetten an sich selbst entdeckt. Lange Jahre verdingte er sich beispielsweise als Versicherungsvertreter und war nun vor 2 Jahren im Vertrieb gelandet – etwas, dass seinem rational-logisch-pragmatisch orientierten und eher introvertiertem Wesen nicht per se lag. Doch wie gesagt, Herbert lässt sich von nichts schrecken und so probierte er es also einfach aus. 

Zur Rampensau ist Herbert in den letzten 2 Jahren nun nicht direkt mutiert. Und doch konnte er  mit seiner feinen, diskreten Art und vor allem mit seiner wahnsinnigen Lebenserfahrung eine solide Spur für sich finden, die gut beim Kunden ankommt. So wird er zwar kein Millionär, aber hat sein Auskommen, kann jeden Abend zufrieden in den Spiegel schauen und jeden Morgen wieder gerne in den Job gehen. 

Wenn es wie jetzt gerade aber mal längere Durststrecken gibt, vergisst er das und fängt an, sich mit Menschen zu vergleichen, denen das Verkaufen im Blut liegt und die quasi auf Abschluss programmiert sind. 

Dem gedachten „Hier jeht heute nüscht“ folgt dann – Überraschung! - ganz schnell das tatsächliche miese Ergebnis = Null Abschluss. 

Darüber sprechend war er eher stockig und bockig und meine zarten Impulse, doch mal so und so und ganz anders an die Sache heran zu gehen wurden logischerweise erstmal abgewehrt: „Dit machen die (Kunden) nicht!!!“ 

Gut, also erstmal Themenwechsel. 

Wie schon erwähnt, hatte Herbert aufgrund seiner technischen Begabung unter anderem einen großen Faible für gemeinhin eher sperrige Themen wie zum Beispiel Frequenzen und Klangmuster und liebte es, in seinem Arbeits-/Musikzimmer zwischen und mit seinen vielen Boxen zu experimentieren – zum Leidwesen seiner Frau. 

Als er von mir ermuntert mehr darüber erzählte, hellte sich sein Gesicht auf, Bewegung kam in den Mann, mit Händen und Füßen malte er mir Unwissende in den schillerndsten Farben einen Klangteppich, in den ich eintauchen und spüren, sehen und auch hören konnte. 

Nur ein kleiner Schritt war es dann thematisch noch hinüber zur von uns Beiden geliebten Elbphilharmonie, die sich ja bei aller architektonischen Raffinesse klangmässig leider als Desaster entpuppt habe. 
Und Herbert wusste auch das absolut präzise und mit Verve zu erklären. 

Der Kerl war im Flow, geöffnet und quicklebendig in seinem Element. Von dem in sich zurück gezogenen, genervten und auf „geht nicht“ gepolten Mann war nichts mehr übrig. Für mich das Signal, den Ball sanft aber präzise nun nochmal richtig ins WEIT geöffnete Tor zu schießen. 

Wieviel gibt es, dass wir uns mit unserem rational-logischen Verstand nicht vor-stellen können … einfach weil uns das innere Vor-Bild dazu fehlt. 

Und wieviele Menschen gibt es, die zum einen über diese Fähigkeit des sich vor-stellens verfügen, die aber mehr noch den unerschütterlichen Glauben daran haben, dass ihre Vor-Stellung genau so auch in der Realität funktionieren wird … so wie ein Komponist eine Idee, ein Gefühl in Noten übersetzt und daraus eine bezaubernde Klangwelt entstehen lässt. 

Oder ein Architekt, der ein Gebäude nicht nur funktional aus dem Kopf in die manifeste Realität bringt, sondern im besten Falle aus der Melange von Phantasie, Statik, fester Überzeugung und Können nahezu schwerelose Formen erschafft, die das Gefühl von anderen Welten vermitteln, von Weite, von Atmos - Sphären, von Möglichkeits(t)räumen. 

Menschen, die das umsetzen, was sich andere eben nicht mal vor-stellen können.

Menschen, die in uns neue Räume eröffnen. 

Neue Räume des Sehens, Hörens, Fühlens. 

Neue Räume des Staunens, des Be-Greifens, des berührt seins. 

Neue Räume und Perspektiven dessen, was möglich und machbar ist. 

Die unsere althergebrachten Meinungen dazu vielleicht komplett auf den Kopf stellen. 

Neue Perspektiven dahingehend, was es heisst, seinem Traum zu folgen und entgegen aller Unkenrufe von inneren und äußeren Kritikern einfach immer weiter zu machen. 

An sich zu glauben. 

Und das auch anderen Menschen nahe zu bringen. Auch diesen mit dem eigenen Tun eine grössere, leichtere Welt nahe zu bringen, in der vielleicht Dinge gehen, die bislang unmöglich schienen. 

Und das, ganz ehrlich, auch wenn das manch einer jetzt als freveligen Vergleich empfinden mag, ist in der Kunst, in der Architektur, in der Musik und anderswo genau das Gleiche wie im Vertrieb. 

Hier werden neue Welten mit Worten und Stimmungen gebaut. 

Vor allem aber mit dem, was nicht gesagt wird, das aber dennoch zu hören ist. 

Zu spüren und zu sehen ist. 

Mit dem, was uns als Mensch jenseits unserer Rolle und unseres Tuns ausmacht. 

Das ganz tief in uns drin steckt und doch auf der für beide richtigen Frequenz wahrnehmbar ist. 

Herbert war gebannt. 

Und ich auch, ich gebe es zu. 

Denn es macht immer wieder so Freude, Menschen aus den Sackgassen, in die sie sich kurz verirrt haben, heraus zu manövrieren und ihnen dabei zu zuschauen, wie sie sich voller Elan und mit neuer Lust an die Aufgaben machen, die die gleichen geblieben sind.

Doch ist die Sicht darauf eine andere geworden. 

Es ist nichts mehr, was „nicht geht“ und deshalb einengt und klein, stumpf und müde macht, sondern es ist wieder zu einer inspirierenden Herausforderung geworden. 

Und bleibt es auch, wenn man es schafft, im Modus des neugierigen Entdeckers und behutsamen Aufschließers zu bleiben. 

Wenn man es schafft, offen zu bleiben für all die Facetten, die das Leben zu bieten hat.

Herbert und ich konnten uns erst nicht so ganz entscheiden, ob Oscar Niemeyer oder dann doch Zaha Hadid das Rennen in unseren Köpfen macht, dahingehend, wer die größeren und abgefahrendsten Räume im Außen wie im Inneren geschaffen hat. 

Ganz knapp hat Zaha das Rennen gemacht. 


Wenn Du auch neue Räume in dir öffnen willst und lernen willst, wie Du dich selbst, dein Unternehmen und andere in Würde führst, dann melde dich bei mir: info@brainopen.de, 0173/873 42 78 


© Manuela Dobrileit - Akademie für würdevolle Führungskunst ®, 2019.
Foto: © Google Pictures - Phaeno Science Center by Zaha Hadid, Wolfsburg/Deutschland. 

Manuela Dobrileit